No Lager, Aufruf, Juni 2004
Für Bewegungsfreiheit.
Anti-Lager action Tour gegen Abschiebung und Ausgrenzung
20. August 5. September 2004
Bramsche - Berlin - Eisenhüttenstadt - Halberstadt - Hannover - Neuss - Parchim/Tramm...
heißen einige der Namen auf der Landkarte mit den Nicht-Orten, Orten des
DRAUSSEN für die, die draußen bleiben sollen auch im Inneren dieses
Landes.
Abschiebeknäste - Abschiebelager - Aufnahmelager - Ausreisezentren - Containerlager - Gemeinschaftsunterkünfte - Flüchtlingswohnheime - ZASTen...
buchstabiert sich das Alphabet der Flüchtlingslager in Deutschland.
Abschotten - abschrecken - abwerten - ausgrenzen - demütigen - einsperren - isolieren - ignorieren - illegalisieren - unterdrücken - verwalten - vergewaltigen - verfolgen - zusammenpferchen...
lautet die Deklination der Entrechtung all derer, die in Lagern leben müssen,
hier und nebenan.
Seit es Flüchtlingslager in Deutschland gibt, kämpfen Menschen jeden
Tag gegen das Leben im Lager: gegen die inhumanen Bedingungen, unter denen sie
zu leben gezwungen werden, isoliert in Wäldern, ehemaligen Militärbaracken,
Industriezonen und Containerschiffen. Der Kampf in diesen Nicht-Orten ist ein
Kampf für die Rückgewinnung von Würde und Selbstbestimmung. Ein
Kampf gegen rassistische Gesetzgebung, gegen Verfolgung durch Spezialgesetze,
die Bewegungsfreiheit versagen, Existenzmittel minimieren, im Alltag stigmatisieren
und medizinische Behandlung verweigern. Ein Kampf gegen Lebensbedingungen, die
einen verrückt und klein machen sollen. In deutschen Abschiebeknästen,
Flüchtlingslagern und -unterkünften nehmen sich so viele Menschen
das Leben wie in keinem anderen europäischen Land.
Die Kampagne gegen die Lager ist ein Kampf gegen Grenzen, die uns unterteilen,
einteilen und voneinander isolieren, uns beherrschbar, verwertbar und verfügbar
machen sollen. Diese Einteilung und Aussonderung von Menschen machen wir nicht
mit, nicht die Aufteilung der Gesellschaften und der Welt in Zonen der Armut
und des Reichtums, des Zugangs zu Rechten und der Rechtlosigkeit, in Zonen des
Krieges und falschen Friedens. Wir wollen diese Fundamente der herrschenden
Verhältnisse, die Zäune der Lager, die sichtbaren und unsichtbaren
Grenzen untergraben, unser Wissen und unsere Erfahrungen im Widersetzen verknüpfen.
Solidarität verbindet unsere Kämpfe für Befreiung miteinander.
Unsere Autonomie ist unsere Selbstorganisierung und die Bewegungs-Freiheit,
die wir uns nehmen; unser Widerstand richtet sich gegen Lager, Abschiebung,
sozialen Ausschluss und Migrationskontrolle.
Keine Lager, nicht hier und auch nicht anderswo!
Lager überall in diesem Land gibt es diese Orte, die auf keiner
Landkarte verzeichnet sind.
Wir wollen neue Karten zeichnen. Landkarten des Widerstandes, die sichtbaren
Zäune und Mauern aktiv angreifen, laut herunterreißen oder leise
umschiffen, unterspülen, unterlaufen, uns nehmen, was wir brauchen.
Laute und leise Neins des alltäglichen Widerstehens, das laute und entschiedene
Nein NO! Lager Anti-Lager
Wir fordern die Schließung aller Lager: Abschiebeknäste, Abschiebelager,
Sammellager und die Abschaffung des Residenzpflicht-Gesetzes! Schluss mit Abschiebungen!
Jeder Mensch hat das Recht, dort zu leben wo er will!
ANTI-LAGER-action-TOUR 2004
20.-24. August Camp in BRAMSCHE (Niedersachsen),
22. August Demo in NEUSS (NRW) (spez. FrauenLesbenTrans-Mobilisierung)
25.-26. August HANNOVER
26. August Aktionstag HALBERSTADT (Sachsen-Anhalt)
27.-31. August Camp in PARCHIM-TRAMM/ZAPEL (Meck.-Pomm.) inkl. Aktionstag
in SCHWERIN
01. September BERLIN
02.-05. September Camp in EISENHÜTTENSTADT (Brandenburg)
In ganz Europa expandieren Lager und der Widerstand dagegen: Über 17 Tage
wollen wir mit der Anti-Lager-Tour grenzüberschreitend von der niederländischen
bis zur polnischen Grenze diesen Widerspruch gegen das System der Lager und
Zonierungen hörbar und spürbar werden lassen und die Kämpfe in
den Lagern mit Aktionen unterstützen. Auch die verantwortlichen PolitikerInnen
und SchreibtischtäterInnen, die nutznießenden Unternehmen und Organisationen
werden Ziele unseres Widerstandes sein.
Die Tour sowie die drei Aktionscamps sind ein experimenteller Raum, ein Laboratorium
des gemeinsamen, selbstorganisierten Lebens und Protests, das sich speist aus
den Erfahrungen der antirassistischen Grenzcamps der letzten Jahre, der Karawane
für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen sowie der Aktionstage
gegen das Ausreisezentrum Fürth im vergangenen September. Es
wird FrauenLesbenTrans-Räume und -Schlafbereiche geben sowie Ansprechgruppen
bei sexistischen oder rassistischen Übergriffen. Bei Problemen mit dem
rassistischen Residenzpflicht-Gesetz wird kollektive Unterstützung angeboten.
Aktuelles zu den Orten und genaue Termine findet sich auf der Webseite. Damit
soll die Möglichkeit gegeben sein, im Vorfeld die Tour mitzuplanen, Aktionen
zu entwickeln, Veranstaltungen und Workshops zu organisieren - denn davon lebt
die Tour.
Es wird VoKüs, Sanis, und ein Infozelt geben. Bringt Zelte und Schlafsäcke
mit- zusätzliche Schlafsäcke und Zelte werden in großer Zahl
benötigt für alle, die keine Sachen haben. Bringt möglichst viele
Autos mit. Zu Busplätzen und Unterkünften während der Tour gibt
es Informationen auf der Webseite: www.nolager.de
Weitere Informationen:
www.nolager.de
www.camp-bramsche.de.vu
anti_lager_actiontour@no-log.org
Infotel: 0163-4634594
The Voice Refugee Forum: 03641-665214, mobile 0174-7295853
Brandenburger Flüchtlingsinitiative: 0160-98623633
Spenden sind steuerlich absetzbar, wenn ihr Namen und Adresse auf dem
Überweisungsträger angebt.
Überweisungen an:
Arbeitskreis Asyl
Sparkasse Göttingen
Kto: 130450
BLZ 260 500 01
Stichwort: Anti-Lager-Tour
V.i.S.d.P.: Dee Fencer, Waldweg 1, 65087 Grauwacke
************************************
INFOS zu den TOURORTEN
BRAMSCHE-HESEPE
In Bramsche-Hesepe in der Nähe von Osnabrück, nicht weit von der niederländischen
Grenze, wurde mit der sog. Landesaufnahmestelle (LASt) eine neue perfide Form
des Abschiebelagers geschaffen. In der ehemaligen Kaserne in Niedersachsen,
später Grenzdurchgangslager für sog. SpätaussiedlerInnen und
jüdische EmigrantInnen aus der SU, wird seit November 2001 eine Ausreiseeinrichtung
betrieben. Die 200 Plätze in diesem Abschiebelager wurden im März
2004 auf 550 Plätze aufgestockt. Theoretisch wäre in dem Komplex sogar
eine Erweiterung auf 1200 Plätze möglich. Die massiven Proteste im
vergangenen Jahr gegen die Bedingungen im Abschiebelager führten dazu,
dass alleinstehende minderjährige Flüchtlinge jetzt nicht mehr in
dem Lager untergebracht werden. Jedoch: Für die Kinder im Lager wurde im
März diesen Jahres eine Lagerschule eingerichtet, sog. "Förderklassen",
damit haben jetzt auch die Kinder keine Chance mehr auf Kontakte außerhalb
des Lagers. Die Abschottung wird damit perfekt. Auf dem Gelände befindet
sich die IOM und die Ausländerbehörde, aber es gibt keine Rechtsberatung,
keine medizinische oder psychologische Betreuung. Während das Personal
im Lager um mehr als ein Drittel gekürzt wird, erhält die Bramscher
Polizei mit der Aufstockung der Plätze im Abschiebelager zwei neue Planstellen.
Gegen die Isolation und das Abdrängen von Menschen in die Rechtlosigkeit!
Kein Mensch ist illegal!
ABSCHIEBELAGER, AUSREISEZENTREN
Seit Anfang 1998 gibt es die ersten speziellen Abschiebelager (Projekt X, Ausreisezentren)
in der BRD. Mit ihnen schufen die Innenministerien eine weitere Lager-Variante
im bereits bestehenden bundesdeutschen Lagersystem. Obwohl Abschiebung oder
die sog. freiwillige Ausreise das offizielle Ziel ist, handelt es
sich tatsächlich um Illegalisierungslager - auf die dort eingewiesenen
Flüchtlinge wird soviel Zwang und Druck ausgeübt, dass die Hälfte
es vorzieht, in die totale Rechtlosigkeit abzutauchen. Dies ist aus Sicht der
Behörde ein Erfolg, geschaffen werden weitere Papierlose und irreguläre
ArbeiterInnen. Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde, deren Abschiebung
aber z.B. mangels Passpapieren nicht realisierbar ist, werden ins Abschiebelager
geschickt. "Verfügung einer Wohnsitznahmeverpflichtung als Auflage
zur Duldung" heißt im Behördenjagon, was einer Zwangseinweisung
gleichkommt. Die betroffenen Flüchtlinge, die schon viele Jahre in Deutschland
lebten, müssen ihre Wohnung verlassen, ihren Wohnort, ihr soziales Umfeld,
ggf. ihre Arbeit aufgeben, Kinder ihre Schule, und sich viele Kilometer weit
weg ins Abschiebelager begeben. Den Flüchtlingen in diesen Lagern wird
das (Taschen-)Geld gestrichen, sie werden ständig kontrolliert, ihre Zimmer
z.T. durchsucht, Gegenstände, die sie angeblich nicht besitzen dürfen,
werden weggenommen. Sie müssen sich regelmäßig melden, werden
unregelmäßig verhört, mürbe gemacht und unter Druck gesetzt,
auf dass sie Deutschland endlich verlassen. Dies bedeutet einen permanenten
Stresspegel für die Betroffenen; dem psychischen Druck und der massiven
Einschränkung der Lebensgestaltung ist schwer standzuhalten. Die Einführung
der sog. Ausreisezentren in verschiedenen Bundesländern war von Widerstand
innerhalb und außerhalb der Lagerzäune begleitet. In Bayern konnte
die Landesregierung nach permanenten Protesten bis hin zu den Aktionstagen in
Fürth im vergangenen Jahr keine weiteren Ausreisezentren mehr
durchsetzen. Mittlerweile sind v.a. in Bayern und Niedersachsen jedoch neue
Varianten von Abschiebelagern eingerichtet worden, die nicht mehr offiziell
als solche bezeichnet werden. In Bramsche (Niedersachsen) werden Menschen, die
erst kürzlich nach Deutschland eingereist sind und sich noch im Asylverfahren
befinden, aber angeblich keine Aussicht auf Asyl-Anerkennung haben, dort eingewiesen.
NEUSS
In Neuss (NRW) befindet sich seit 1993 der bundesweit einzige Frauen-Abschiebeknast.
Der Knast liegt mitten in der Neusser Innenstadt in einer ruhigen Wohnstraße
und wird kaschiert durch eine unauffällige Fassade. In dem Knast sind momentan
zwischen 60-80 Frauen eingesperrt, darunter immer wieder Schwangere und Minderjährige.
Die Frauen werden willkürlich in Zweier- und Sechserzellen gesperrt. Gegessen
wird in den 9 m² kleinen Zellen. Auch das Waschbecken und die Toilette
befinden sich in der Zelle, nur durch einen Vorhang abgetrennt. Die medizinische
Versorgung ist unzulänglich. Einen psychologischen Dienst gibt es für
sie nicht, auch keine hauptamtliche Sozialarbeiterin und keine juristische Beratung.
Der einzige Grund für die Inhaftierung der Frauen ist ihre Migration in
die BRD.
ABSCHIEBEKNAST
Abschiebeknäste sind die extremste Form von Flüchtlings(-Internierungs)lagern
in der BRD. Abschiebeknast bedeutet: Bis zu 18 Monaten eingeknastet hinter hohen
Mauern und Sicherheitsdraht, bewacht von bewaffneten SicherheitsbeamtInnen.
Zellen, Schließzeiten, Hofgang, eingeschränkte Besuchszeiten, eingeschränkte
Telefonmöglichkeiten, ausgeliefert der Willkür des Personals, der
Willkür des Rechtsstaats. Das Warten auf die Abschiebung oder die Selbstaufgabe
in Form der "freiwilligen" Ausreise lassen keinen Spielraum. Es bleibt
nur die zarte Hoffnung für die, die anwaltlichen Beistand haben, auf positive
Entwicklungen. Immer wieder gibt es in Abschiebeknästen kollektive oder
individuelle Hungerstreiks, versuchte und auch realisierte Suizide. Deshalb:
Solidarität stärken! Weg mit dem Knast! Bleiberecht für Alle!
HANNOVER
Hannover, Abschiebeflughafen - auch von hier aus werden Flüchtlinge zwangsabgeschoben.
Jedes Jahr werden in der BRD 50.000 Menschen vom Bundesgrenzschutz abgeschoben.
Dabei kommt es immer wieder zu Todesfällen, wie zuletzt am 28.Mai 1999,
als der sudanesische Flüchtling Aamir Ageeb bei seiner Abschiebung von
Frankfurt am Main nach Khartoum von Beamten des
Bundesgrenzschutzes erstickt wurde.
In Hannover-Langenhagen, direkt neben dem Flughafen, betreibt das Land Niedersachsen
seit 2000 ein zentrales Abschiebegefängnis. Dort sind bis zu 250 Flüchtlinge
interniert. Gleich im ersten Jahr nach Eröffnung erhängte sich dort
am 8 .Dezember 2000 der 17jährige tamilische Flüchtling Arumugasamy
Subramaniam, der nach Sri Lanka abgeschoben werden sollte. Künftig sollen
auch noch Flüchtlinge aus Bremen in den Abschiebeknast Hannover gebracht
werden, denn ÄrztInnen in Bremen ließen sich nicht als willfährige
Helfershelfer bei Abschiebungen einspannen. Die Landesregierung in Hannover
war unter Schröder für das Projekt X, dem ersten deutschen
Modellversuch für ein Ausreisezentrum, verantwortlich. Auch
die aktuelle CDU-Regierung propagiert ein geschlossenes Lager-System für
Flüchtlinge und würde jeden Kontakt zu potentiell solidarischen Menschen
in Kommunen am liebsten verhindern. Smash racist structures!
HALBERSTADT
In den drei 5-stöckigen Plattenbaublöcken mit insgesamt 1200 Plätzen
wurden bis zum Mai diesen Jahres an die 1000 Flüchtlinge in der Zentralen
Erstaufnahmestelle (ZASt) Sachsen-Anhalts untergebracht. Von dort aus wurden
bzw. werden sie in die einzelnen Landkreise umverteilt.
Das Sammellager in den Gebäuden der ehemaligen Kaserne der Roten Armee
liegt 7 km außerhalb der Stadt auf freiem Feld (ca. 1h Fußweg) und
ist durch Videoüberwachung, Wachdienst und Umzäunung gesichert. Die
Ghettoisierung ist beabsichtigt. Auf dem Gelände befinden sich Außenstellen
von: Sozialamt, Gesundheitsamt, Bundesamt für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge (BAFl), Ausländerbehörde und Kriminalpolizei.
Ca. 100 Menschen befinden sich im sog. Ausreisezentrum auf der vierten Etage
des ersten Blocks. Es sind die Flüchtlinge mit dem blauen Ausweis.
Nachdem sie meist über Jahre hinweg in den Unterkünften der einzelnen
Landkreise gelebt haben, wurden sie zwangsweise wieder in das Lager eingewiesen,
wo ihre Odyssee in Sachsen-Anhalt begann. Dieses Mal ist die Lagereinweisung
jedoch für unbestimmte Zeit.
Das Ausreisezentrum wurde nach zweijähriger Modellphase Anfang
diesen Jahres von der Landesregierung als Erfolg gewertet und als feste Institution
eingerichtet.
Neben den schon bestehenden Repressionsmaßnahmen wie Entzug jeglichen
Bargeldes, Essenspakete, Einschränkung der medizinischen Leistungen, Ausstellung
von Duldungen für nur wenige Tage und ständige Befragungen setzt das
Innenministerium derzeit neue Bestimmungen durch. Das Abschiebelager wird auf
250 Plätze aufgestockt. Neben alleinreisenden Männern und kinderlosen
Ehepaaren sollen nun auch alleinreisende Frauen in einem separaten Frauenblock
eingewiesen werden. Die Flüchtlinge in der Erstaufnahme sollen von denen
mit blauen Ausweisen räumlich getrennt werden. Außerdem lockt das
Ministerium mit Repressions-Erleichterungen (Aufhebung der Wohnsitzpflicht,
Auszahlung eines Taschengeldes und Erlaubnis zur Erwerbstätigkeit), um
von den Flüchtlingen eine Mitwirkung an der Passbeschaffung
und damit an der eigenen Abschiebung abzupressen.
Zäune runter! Wohnungen her!
Abschiebelager schließen!
PARCHIM, TRAMM/ZAPEL
In der Gemeinschaftsunterkunft Tramm/Zapel bei Parchim in Mecklenburg-Vorpommern
sind 200 AsylbewerberInnen untergebracht, auch Familien. Kinder, die hier geboren
sind, kennen dieses Land nur aus dem Sammellager. In drei runtergekommenen Wohnblöcken
einer ehemaligen Kaserne, mitten im Wald mit Stacheldraht-Umzäunung, Videoüberwachung,
Eingangskontrolle mit Schäferhund und Wachdienst, wird jeder Schritt der
BewohnerInnen registriert: es ist ein gestaffeltes Kontrollsystem. Pro Block
gibt es lediglich 2 Küchen, der nächste Ort mit Einkaufsmöglichkeit
ist 9 km Fußweg entfernt, für den Bus reicht das Geld meist nicht.
In dem Sammellager kommt es immer wieder zu Protesten gegen die Isolation,
die Kontrolle, die verweigerte medizinische Versorgung, die Ausgabe der reduzierten
Leistungen in Form von stigmatisierenden Gutscheinen. So wurden nachts Wandbilder
an die Wand gegenüber der Ausländerbehörde gemalt: eine geöffnete
Tür zeigt dahinter wiederum Gitterstäbe. Überschrieben mit der
Forderung "Flüchtlingsrecht" zeigen die Bilder die Hoffnungslosigkeit
und Knastgefühle in dieser Unterkunft. Die Polizei ermittelt gegen unbekannt.
Die BewohnerInnen protestieren weiter gegen ihre abgeschiedene Unterbringung
im Wald und sprechen ironisch von "Dschungelheim". Ihre Forderung:
ein Umzug in die Kleinstadt Parchim, als ersten Schritt. Eine solche Umverteilung
haben sich die BewohnerInnen aus der ehemaligen Unterkunft in Peeschen erkämpft.
Obwohl ein Erlass des Innenministeriums von 2001 vorschreibt, dass alle AsylbewerberInnen
in der Nähe von kulturellen Zentren unterzubringen sind, wäre auch
diese Unterkunft ohne Druck von Innen wohl nie geschlossen worden. Die damaligen
BewohnerInnen verliehen ihren Forderungen z.B. Nachdruck, indem sie die BeamtInnen
der Ausländerbehörde durch eine Straßenblockade festsetzten.
Wir wollen die Proteste der Flüchtlinge in dem abgelegenen Sammellager
unterstützen und die Landesregierung in Schwerin unseren Zorn spüren
lassen !
BERLIN
ABSCHIEBEKNAST BERLIN-GRÜNAU
Grünau ist ein Stadtteil von Köpenick. Circa 210 Menschen werden hier
eingeknastet, um abgeschoben zu werden. Seit über einem Jahr wehren sich
die Insassen verstärkt gegen die menschenunwürdigen Zustände
im Knast, Anfang letzten Jahres gab es hier einen der größten kollektiven
Hungerstreiks in der Geschichte deutscher Abschiebeknäste.
HAUPTSTADT: Wir werden etwas Feines mitbringen nach Berlin, um in der Bundeshauptstadt
unseren Unmut kund zu tun.
EISENHÜTTENSTADT
In Eisenhüttenstadt, 120 km östlich von Berlin, befinden sich die
Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung (ZABH) und der Abschiebeknast des Landes Brandenburg
gemeinsam auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne. Beides liegt in der
30km-Zone an der polnischen Grenze, die noch bis Mai diesen Jahres eine Außengrenze
der Festung Euopa war. Der Ort ist berüchtigt. Im Abschiebeknast gibt es
nach wie vor einen Raum, die sogenannte "Beruhigungszelle", in dem
Menschen z.T. mehrere Stunden eingesperrt und ausgestreckt gefesselt werden.
Diese Anwendung von menschenverachtender Behandlung konnte zwar aufgedeckt werden,
jedoch hat sich trotz des Berichtes vom Europäischen Komitee zur Verhütung
von Folter (CPT) aus dem Jahr 2000 bis heute nicht viel geändert. Lediglich
die zuvor für die Fesselungen verwendeten, im Boden eingelassenen Eisenringe
wurden entfernt und durch ein "Gurtsystem" an einem Bettgestell ersetzt.
Letztes Jahr wurde z.B. ein Mann 42 Stunden innerhalb von 3 Tagen gefesselt
und rund um die Uhr videoüberwacht. Für die Menschen im Abschiebeknast
ist eine ausreichende medizinische Versorgung nicht gewährleistet: Das
einzige medizinische Personal ist eine Krankenschwester, ein Arzt kommt zweimal
in der Woche und verschreibt i.d.R. nur Schmerz- und Beruhigungsmittel. Flüchtlingen
wurde mitgeteilt, dass sie auch bei schweren Erkrankungen nicht ins Krankenhaus
könnten, weil sie den Aufenthalt dort bezahlen müssten. Die Arbeitsgemeinschaft
Ausländer- und Asylrecht des Deutschen Anwaltsvereins bat im Jahr 2002
das brandenburgische Innenministerium um die Genehmigung, eine regelmäßige
Rechtsberatung anbieten zu dürfen. Das Innenministerium lehnte dieses ab,
angeblich
bestünde kein Bedarf.
Die maximal mögliche Haftdauer beträgt für Abschiebehäftlinge
derzeit 1,5 Jahre. Auch wenn es nur einige Aktionstage sind - die Menschen drinnen
sollen wissen, dass wir da sind, um von der deutschen West- bis zur Ostgrenze
an dem System der Abschiebeknäste und Lager zu rütteln !
Für Bewegungsfreiheit - ANTI-LAGER -action-TOUR
gegen Abschiebung und Ausgrenzung!
Millionen von Menschen sind in der so genannten dritten Welt durch die direkten
Angriffe kolonialer Unterwerfung und deren Folgen gestorben. Heute werden sie
weiter ausgebeutet und sind den Auswirkungen neokolonialer und kapitalistischer
Machenschaften ausgesetzt. Menschen fliehen vor Krieg, Verfolgung und weil ihnen
ihre Lebensgrundlagen entzogen wurden. Andere sind auf der Suche nach einem
besseren Leben. Die reichen kapitalistischen Länder aber schotten sich
immer weiter ab und rüsten ihre Grenzen immer weiter auf. Es gibt fast
keine Möglichkeiten mehr, gefahrlos in die westlichen Länder zu migrieren.
Viele Menschen sterben auf der Flucht. Dennoch gelingt es zahlreichen, diese
Länder zu erreichen. Hier angelangt werden sie rassistisch angefeindet,
kontrolliert und oft in Lager gezwungen, festgenommen und abgeschoben.
Ausgrenzen, kontrollieren, abschieben - das
dezentrale Lagersystem in der BRD
Weltweit werden in den letzten Jahren immer neue Typen von Flüchtlingslagern
entwickelt - auch in der BRD. Hier entstehen so genannte Ausreisezentren,
die tatsächlich Abschiebelager sind. Die Lagerformen in der BRD reichen
heute von Pensionen in der Großstadt, großen Gemeinschaftsunterkünften
irgendwo im Wald und Abschiebelagern bis zu Abschiebeknästen. Zu einem
System wird das Ganze durch rassistische Sondergesetze wie die Residenzpflicht.
Sie verbietet Flüchtlingen, ohne Genehmigung den Landkreis zu verlassen,
in dem ihre Unterkunft liegt. Insgesamt sind zur Zeit ca. 600.000 Menschen den
Bedingungen im bundesdeutschen Lagersystem unterworfen. Am Ende der Lagerunterbringung
steht für Flüchtlinge der Abschiebeknast und das Abschiebelager
und dessen Ausgang ist entweder das Abtauchen in die völlige
Rechtlosigkeit der so genannten Illegalität oder die Abschiebung.
Migration unerwünscht - die politische
Zielrichtung des Lagersystems
Mit dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) und der Änderung des Ausländergesetzes
1993 wurde das Grundrecht auf Asyl faktisch abgeschafft. Im AsylbLG wird das
Arbeitsverbot für AsylbewerberInnen und die Auszahlung der - drastisch
reduzierten - Hilfe zum Lebensunterhalt in Form von Sachleistungen geregelt.
Damit soll die BRD als Einwanderungsland unattraktiv werden, wie es schon in
den 80er Jahren der damalige baden-württembergische Ministerpräsident
Lothar Späth zum einjährigen Bestehen des ersten Sammellagers der
BRD erklärte: Die Buschtrommeln sollen signalisieren geht
nicht nach Baden-Württemberg, dort müsst ihr ins Lager. Dazu
kommt die Effektivität stumpfer rassistischer Stimmungsmache. Erst durch
die Unterbringung vieler Flüchtlinge in alten Kasernen wird das Bild der
Überflutung Deutschlands durch die Armen der Welt produziert.
Ausbeuten, Verwerten - die ökonomische
Ausrichtung des Lagersystems
Ökonomisch gesehen ist das Lagersystem eine Art Scharnier zwischen den
regulären und irregulären Arbeitsmarktsegmenten. In den Bundesländern
mit einer niedrigen Arbeitslosenquote beispielsweise stellt das Lagersystem
billige ArbeiterInnen für unqualifizierte Jobs zur Verfügung
in Baden-Württemberg etwa arbeiten offiziell ca. 40 % aller AsylbewerberInnen.
Die BewohnerInnen der Lager in Ostdeutschland pendeln zwischen ihren monatlichen
Sozialamtsterminen und ihrer Arbeit im Westen sie sind Teil der ca.1,5
Millionen ArbeiterInnen ohne Papiere, die hier die schmutzigen und körperlich
schweren Arbeiten verrichten.
Der Wohlstand schottet sich ab - das Lagersystem
der EU
Ein EU-weites Lagersystem für Flüchtlinge befindet sich zur Zeit
im Aufbau. Bereits jetzt bestehen an den neuen EU-Außengrenzen eine Reihe
von Flüchtlingsauffanglagern. Hier werden Flüchtlinge, die auf dem
Weg in die kapitalistischen Zentren aufgegriffen werden, bis zu ihrer Abschiebung
interniert. Die EU-Administration plant außerdem sog. Transit Processing
Center (tpc) an den EU-Außengrenzen sowie in sicheren
Trikontländern. In die tpcs könnten Menschen, die in der EU
einen Asylantrag gestellt haben, bis zur Entscheidung ausgeflogen werden. Den
äußersten Kreis des Lagersystems bilden jetzt schon die so genannten
Regional Protection Areas (rpa): Flüchtlinge sollen direkt
in den Kriegs- und Krisenregionen militärisch eingekreist und in Lagern
vor Ort interniert werden. Die Internierung erfolgt in Zusammenarbeit
von Militär und NGOs, wie dem UNHCR und der IOM (International Organisation
of Migration). Das Konzept der Internierung vor Ort wurde bereits während
des Irak- und des Kosovokrieges sowie in Teilen des afrikanischen Kontinents
angewendet. Dieses Lagersystem ist Bestandteil des Versuchs, Migration weltweit
zu kontrollieren und nach ökonomischen und politischen Kriterien zu steuern.
Recht auf Rechte - die Spitze des Eisberges...
Das Lagersystem stellt die extremste Form gesellschaftlichen Ausschlusses von
Menschen ohne deutschen Pass dar: Menschen werden mit unterschiedlichen Rechten
ausgestattet und ihre Verwertbarkeit reguliert. Wir treten ein für den
unterschiedslosen Zugang zu Rechten, gegen Unterdrückung und Ausbeutung
auf allen Ebenen und entlang aller Herrschaftsstrukturen. Jeder Mensch hat das
Recht, dort zu leben, wo er es will. Wir erweitern den Begriff des politischen
Flüchtlings durch die Aussage von Flüchtlingsorganisationen, wir
sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört. Das bedeutet die
Ablehnung einer Hierarchisierung von Flucht- oder Migrationsgründen: Egal,
ob Menschen wegen Folter oder Unterdrückung, aufgrund von Beschneidung
und Zwangsheirat oder Hunger und Armut oder einfach wegen der Hoffnung auf ein
besseres Leben geflohen sind. Zusammen haben wir die Chance, erfolgreich für
ein besseres Leben überall zu kämpfen.
Viele sind hier, wir sind hier und wir kämpfen gemeinsam gegen diese Politik
der Lager und für unsere Rechte! Recht zu bleiben, Recht zu wohnen, Recht
auf ein Auskommen, Recht auf ein würdiges Leben! Wir solidarisieren uns
mit den Kämpfen aller, die die Residenzpflicht überschreiten, die
sich gegen ihre Unterbringung wehren, die gegen ihre Abschiebung und für
ihr Recht zu bleiben kämpfen!